Aufwachen

Man sagt, dass Schreiben helfen soll. In einer schweren Zeit oder einer Krise den eigenen, stur kreisenden Gedanken einen Raum zu geben, in dem sie einen festen Platz finden, soll helfen. Sagt man.

Den Einstieg zu finden ist gar nicht so einfach. Was macht man, wenn das Ei ein Huhn gelegt hat? Und dieses Huhn hat dann widerum ein Ei gelegt? Was ist, wenn es gleich mehrere Eier und Hühner gegeben hat? Alles dreht sich. Zu schnell. Zu viel.

Spulen wir eine Woche zurück. An diesem Tag, der eigentlich so unschuldig und harmlos vor sich hin plätscherte. Es war ein Freitag. Freitag ist eigentlich ein schöner Tag: Das Wochenende steht vor der Tür und allein dieser Gedanke lässt die Anspannung der Woche abfallen. Mit dem wohligen Gefühl, dass man zwei Tage durchatmen kann, verabschiedet man sich in den Feierabend. Nur ich nicht. Ich mag den Freitag nicht. Freitag ist nämlich Einkaufstag. Ich HASSE einkaufen. Irgendwelche Nahrungsmittel aus den Regalen greifen, Getränke schleppen, an der Kasse auf den St. Nimmerleinstag warten, bis Omi ihre 76 Cent passend gefunden hat. Wie Menschen Stunden damit zubringen können, in Verpackung gequetschte Dinge zu begutachten um eine Kaufentscheidung zu treffen, war mir schon immer ein Rätsel.

Du bist mit mir mitgefahren. Ich habe mich gefreut, dass ich den grässlichen Wocheneinkauf nicht allein managen muss. Ein großer starker Mann eignet sich hervorragend zur eigenen Rückenentlastung, wenn er die schweren Beutelchen die endlos lange Treppe hochschleppt. Wir haben alles eingeräumt. DU hast eigentlich größtenteils eingeräumt, während ich mich damit beschäftigt habe die zahlreichen Katzenklo-Streusel vom Badezimmerboden zu fegen, die der Hund auf seiner Suche nach Nahrung überall verteilt hat. Ich habe mich darüber gefreut, dass du mir das lästige Einräumen abgenommen hast. Den Kühlschrank mit dem Wocheneinkauf zu füllen, hat immer ein bisschen was von Tetris. Und Geometrie gepaart mit räumlichen und vorausschauenden Denken war noch nie mein Ding.

Dann hast du dir den Hund geschnappt. Eine Runde laufen wolltet ihr. Das kam mir nur recht. Mein Feierabend-Cappuccino hat schließlich nicht ewig Zeit. Alles war schön und gut. So warm. So erfüllend. So trügerisch selbstverständlich sicher.

Als ich meinen Blick so sinnlos umherschweifen lasse, fällt mir etwas auf: Du hast dein Handy vergessen. Plötzlich schaltet sich jeglicher Verstand aus. Eine Hemmschwelle kennen meine Finger nicht mehr, als sie nach dem Handy greifen. Jetzt oder nie. Entweder ist mein Bauchgefühl schon immer zu Recht wachsam gewesen, oder es hat Paranoia und nie wird jemand von diesem kleinen Spionageanfall erfahren. Ich schaue aus dem Fenster und vergewissere mich, dass du gerade erst auf die Hundewiese getreten bist. Das du gleich in der Tür stehst, ist somit äußerst unwahrscheinlich. Ich gebe den Entsperrcode ein, obwohl ich gar nicht genau weiß, ob es der richtige ist. Das Handy entsperrt sich. Es kribbelt im Bauch. Zittrig öffne ich die grüne Lieblingsapp. Ganz oben mein Chat. Ok. Das ist gut. Darunter belangloses Zeug. Noch besser. Alles unauffällig. Ein Name, mit dem ich nichts anfangen kann. Oh. Man siehe und staune: Der Herr hat eine neue Bekanntschaft zum Klettern gefunden. Der Chat klingt mir zu freundlich und spitz. Das gefällt mir überhaupt nicht. Aber nichts aussagekräftiges zu finden. Mein Darm rumort. Noch ein Blick aus dem Fenster – etwas Zeit habe ich noch. Schließlich lese ich einen Namen, den ich kenne.

Bevor ich den Chat überhaupt öffnen kann, strahlen mich schon große Liebesbekundungen an. Bei näherem Hinsehen reichen mir die beiden letzten Nachrichten in diesem Chat schon völlig aus. Mehr muss ich nicht sehen.

Sie kann so schwer damit umgehen, dass Kontaktverbot einzuhalten und dir nicht zu schreiben. Sie müsse ständig an dich denken. Deine Antwort dreht mir den Magen um: Ob sie glaubt, es gehe dir anders. Du musst genauso ständig an sie denken.

Weiter kann und will ich nicht lesen. Was ich habe, reicht mir aus. Ich reagiere immer noch systemseitig. Geistesgegenwärtig stöpsel ich dein Handy ab, das Ladekabel, deine Autoschlüssel und dein Portemonnaie greife ich im Vorbeigehen mit ab, als ich mir den Schlüssel aus dem Korb nehme und die Wohnung im Eilschritt verlasse. Ich kann dich nicht mehr auf der Wiese sehen, also rauf auf den Weg. Ich drücke dir dein Zeug in die Hand, sage dir, dass es eigentlich nicht meine Art ist, während ich dir dein Handy reiche in der Hoffnung du schaltest und ersparst mir eine hollywoodreife Szene. „Was habe ich denn nun schon wieder gemacht?“ schallt es mir entgegen. Während ich mir Leine und meinen Hund schnappe sage ich dir, dass dir dein Nachrichtenverlauf bestimmt bei der Suche nach der Antwort helfen wird. Das einzige was mir noch einfällt ist die weltliche Mitteilung, dass du dich mit sofortiger Wirkung aus meinem Leben verdünnisieren sollst. Was mir dann bleibt ist umdrehen und gehen.

Ich höre kurz darauf, wie der Motor deines Autos anspringt. Die Luft ist rein. Ich gehe wieder in meine Wohnung. Mein Körper zittert. Mir rennt die Pumpe unaufhörlich davon. Schließlich klickt die Tür hinter mir ins Schloss. Ich sacke auf meinem Sofa zusammen, schlinge die Arme um die Knie und wiege mich schluchzend vor und zurück. Die einzigen Worte, die meinen Mund jetzt noch verlassen:

„Bitte nicht schon wieder. Bitte nicht!“

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