Stolpern

Ich weiß noch, wie es damals war. Mein erster Tag in meinem neuen Job. Auch wieder eine dieser Geschichten, in die ich einfach hineingestolpert bin. Ein Angebot, ein Moment des Überlegens und schließlich die Entscheidung. In den öffentlichen Dienst zu gehen war rückblickend goldrichtig. Ich bereue die Entscheidung absolut nicht.

Dennoch war es anfangs wie der Eintritt in eine völlig andere Welt. Büros auf lange Flure verteilt, die Türen meist verschlossen, überdurchschnittlich viele Frauen – vor allem reiferen Alters. Schwierige Charaktere, für die neue Technologien so etwas wie eine unüberwindbare Hürde darstellen, vor der es sich erfolgreich zu drücken gilt. Die Sorte Mensch, über die man sich eigentlich nur wundern kann, weil sie nicht zugänglich für neue und aufregende Momente ist. Diese Sorte eingefahrener Waschweiber, die außer ihres beschränkten Alltags nichts für die Welt drumherum übrig haben. Anfangs war das schon so etwas, wie ein mittelschwerer Kulturschock für mich Mittzwanzigerin, die so gern probiert, provoziert und immer einen zwielichtigen Spruch auf den Lippen hat.

Direkt an meinem ersten Tag wurde ich gefragt, ob ich nicht Lust auf ein Stück Kuchen hätte. Ein Kollege hat Geburtstag und zum gemeinsamen Kaffee eingeladen. Natürlich habe ich mich artig und brav in dieses kleine stickige Büro gesetzt, in dem diese vielen unbekannten Gesichter auf einem Haufen zusammengequetscht saßen, Kaffee tranken, Kuchen aßen und sich über Dinge unterhielten, von denen ich kein Wort verstand.

Dieser Kollege warst du. Und nein, enttäuschenderweise gab es weder Feuerwerk, noch tiefe Blicke, noch irgendeine Besonderheit. Du hast da einfach gesessen und bist mir überhaupt nicht aufgefallen. Nichts besonderes gab es damals für mich in diesem Raum zu entdecken. Nur diese vielen behördenverstaubten Menschen von denen ich nicht wusste, ob ich überhaupt irgendeinen von ihnen jemals mögen könnte.

So gingen meine ersten Wochen ins Land. Mit der Zeit lernte ich einige jüngere Kollegen kennen, die mir das Gefühl nahmen, in einer falschen Welt gelandet zu sein. Diesen Leuten ging es ganz genauso wie mir und das kann ungemein verbinden. Dienstlich hatten wir häufiger miteinander zu tun, aber auch hier stellte sich nix ein. Du warst einfach nur Herr V., der irgendwie in mein Team gehörte und für den ich Termine machte. Nicht mehr und nicht weniger.

Irgendwann kamst du ab und an in unser Büro, um irgendwelches Zeug abzusprechen. Manchmal hast du dabei neben mir gestanden, während ich auf meinem Drehstuhl rumlungerte. Beim Blick zu dir hinauf mussten meine Augen an deinen Oberarmen vorbei. Da fiel mir das erste Mal auf, dass dein T-Shirt spannte, weil du ziemlich viele Muskeln zu bieten hattest. Das war schon hübsch anzusehen, aber mehr auch nicht. Allerdings konnte man sich mit dir gut unterhalten. Du warst überhaupt nicht staubig, so wie die anderen. Ganz im Gegenteil: Mit dir konnte man sogar dreckige Witze reißen ohne gleich schief angesehen zu werden.

Und schließlich kam der Tag der Tage, an dem ich viel zu spät und abgehetzt aus dem Fahrstuhl trat. In meiner Bürotür lehnte ein echt heißer Knackarsch – verpackt in Anzughose. Teuer – das sah man sofort. Sie saß, wie auf den Leib geschneidert. Über der Hose ein weißes Hemd, dass muskulöse Arme darunter erahnen ließ. Während ich mich am heißem Feger vorbeischiebe, fällt mir auf, dass du es bist. Ohne nachzudenken sprudelte es damals aus mir heraus: „Hallöchen, wen haben wir denn da?! Herr V. … Ohlalala…“ Auf dem Weg an dir vorbei fragt meine Vernunftssynapse nach, ob ich Trottel das gerade allen Ernstes laut gesagt habe, während sich der animalische Trieb einschaltet mit der Frage: „Riechst du das auch?“ Dieser Geruch… Kein Parfüm, sondern einfach nur dieser angenehme Geruch, wenn man zum ersten Mal merkt, dass man einen Menschen riechen kann… Da wusste ich, dass du mir gefährlich werden könntest. Nicht beziehungstechnisch – daran war damals gar nicht zu denken. Sondern aus rein triebgesteuerten Gründen. In meinem Kopf begann ich bereits zu erkunden, was unter deinem sündhaft teuren Anzug stecken könnte.

Als wenn du zeitgleich eine ähnliche Erleuchtung gehabt hättest, begann kurz darauf unser Spielchen. Es war wirklich wie ein Spiel. Bevor die Katze ihre Maus frisst, muss sie erstmal jagen. Genau das taten wir. Du bist einen Schritt aus deinem Häuschen getreten, hast mich angepiekst und ich habe es dir heimgezahlt. Diese Schleife spielten wir tagtäglich, während wir eigentlich beide zuhause noch Partner zu sitzen hatten, von denen allerdings keiner vom anderen wusste, dass diese Beziehungen eh längst vorbei waren. So durchlebten wir auch unsere Trennungen gemeinsam. Auch wenn wir nie eng miteinander waren, kein Beziehungsgesäusel den Weg aus unseren Mündern fand, so trugen wir uns doch schon gemeinsam durch die Gezeiten ohne genau zu wissen, wie sehr wir bereits aneinander hingen.

Auf der Suche nach dem ultimativen Kick und der Herausforderung landeten wir schließlich das erste Mal miteinander im Bett. Am nächsten Morgen wünschten wir uns wohl beide weit, weit weg. Ich konnte gar nicht schnell genug Abstand zwischen uns gewinnen. Es war so grauenhaft schlecht, dass all meine Erkundungstouren, die ich in meinem Kopf bereits mit dir gemacht hatte sich als blasse Illusion herausstellten. Aber das Gefühl, dass ich noch nicht alles wusste, dass es noch mehr zu sehen und auszugraben gab, das ließ mich einfach nicht los.

Monate später hatte ich meine eigene kleine Wohnung und war gänzlich vogelfrei. Ich werde diesen Tag nie vergessen, an dem wir in einem stinklangweiligen Seminar saßen. Auf dem Weg nach Hause überkam mich die unbändige Lust auf schnellen und folgenlosen Sex. Du warst gerade da und die Situation hatte eine sexuelle Spannung in die Luft gelegt, die sich nur auflösen konnte, indem wir nachhalfen. Viele Worte brauchte es nicht, als wir in meiner Wohnung übereinander herfielen. An diesem Tag betraten wir eine völlig neue Welt. Alles, was ich über Sex zu wissen glaubte, löste sich in Luft und Lächerlichkeit auf, als wir einfach taten, worauf wir Lust hatten und dabei eine völlig andere und neue Art der Sexualität erlebten. Entgegen dem katastrophalen ersten Mal traten wir den Beweis an, dass wir auch bombastisch können. Im Nachhinein eigentlich völlig logisch und einfach: Wir waren frei. Wir konnten tun und lassen, was wir miteinander tun und lassen wollten. Es gab keine Grenzen, keine Verbote. Nur uns. Zwei freie Menschen auf der Suche nach freiem und zwanglosem Sex. Dann kamen die Gespräche. Dann kam die Sehnsucht. Und schließlich kam die Liebe.

Wie immer in meinem Leben bin ich einfach irgendwie in die Sache mit dir hineingestolpert…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: