Die nackte Braut

Jetzt ist alles so anders. Tag um Tag wechselt meine Selbstwahrnehmung von dem aus der Asche auferstandenem Phönix zum völlig dummdödeligen Muttchen. Ich war mir meiner Rolle in unserer Beziehung immer so sicher. Die, die dich besser kennt, als du selbst. Die, die viel mehr über dein inneres Leben weiß, als du wahrhaben wolltest. Doch dann bist du im Häschenkostüm aus der Torte gesprungen, hast laut „Überraschung“ geschrien, die Deko zerstört und mir dabei mein schönes Kleid vom Leib gerissen.

Jetzt stehe ich nackt da und suche verzweifelt nach einem neuen Kostüm. Aber so recht passen will mir nichts. Jeden Tag lege ich Make Up auf und mache mir ausführlichst Gedanken darüber, wie ich das Haus verlassen werde. Das ist eigentlich nicht meine Art. Ich geh auch problemlos ohne aufgemaltes Gesicht los, denn auch so habe ich mich immer wohlgefühlt. Ich bin nicht eine dieser bemalten Frauen, die ihr Gesicht des Nachts im Kopfkissen verloren hat und den ärmsten Mann zu Tode ängstigt, wenn er ihr am Morgen danach das erste Mal in die nackte Wahrheit blicken muss. Darauf war ich eigentlich immer stolz. Aber zurzeit habe ich das Gefühl ohne Kriegsbemalung gläsern und zerbrechlich zu sein.

Ich möchte nicht das jemand sehen könnte, wie zerwühlt ich innerlich bin. Also ziehe ich jeden Tag mit einer Fassade los, die genauso gut die chinesische Mauer sein könnte. Auch in unserem Kampf gibt mir das Wissen um meine Maske Kraft. Mein Vorsatz, dich aus meinem Leben zu streichen, hat prima funktioniert. Nämlich überhaupt nicht. Die erste Reaktion war die, von der ich dachte, dass ich so reagieren würde. Aber die hässliche Wahrheit ist, dass ich an dieser Stelle lernen musste, dass ich so nicht bin.

Ich bin nicht eine dieser „starken Frauen“, die den Mann mit einer Eisenstange aus dem Haus jagt und sich auf die Sofas ihrer Freunde und Familie zurückzieht. Ich bin nicht die Frau, die abends dabei zusieht, wie der Grünohrhase von Katjes die Fratze des ehemaligen Angebeteten aus dem letzten Liebesfoto frisst und die dabei auf Süßkram herumkaut, während sie eine Armee aus benutzten Rotztüchern zusammenstellt.

Nein, so bin ich einfach nicht. Ich habe mich nach dem Sturz auf den Hosenboden gesetzt, bin einen Moment im Dreck hocken geblieben um festzustellen, das ich herausfinden möchte, wo genau die Stelle ist, an der ich gefallen bin. Ich will wissen, wo der Stein lag. Wie er aussah und ob es überhaupt der Stolperstein war oder ob ich nicht vielleicht einen Lauffehler hatte. Vielleicht habe ich einfach nur geträumt und bin über die eigenen Füße gestolpert?

Also habe ich versucht herauszufinden was es genau war, dass dich in die Arme einer anderen Frau getrieben hat. Wärst du sexuell satt und glücklich gewesen, hättest du dich wohl gefühlt und dich auf die Abende bei und mit mir gefreut, dann wäre es doch nicht so weit gekommen, oder? Ich wollte wissen, was es war. Dieses kleine oder große Ding, dass Piercing-Donald hat und das mir offensichtlich fehlt. Du hast mir versucht, diese Frage zu beantworten, aber ich kann die Antwort nicht greifen und nicht mit ihr arbeiten. Der Sprung in die perfekte Welt mit gemeinsamer Wohnung, einer Frau an deiner Seite, und einer festen Basis – den hast du wirklich gewollt. Aber dann kam das alte Leben in Form von Piercing-Donald vorbei. Das freie ungezwungene Sein, in dem man sich treiben lassen kann und morgen nicht planen muss, weil morgen sich einfach ergibt.

Ich versuche damit zu arbeiten, aber es fällt mir schwer. Besserer Sex, bessere Gespräche, ein höherer IQ oder einfach nur ein schöner Körper: besser als meiner – das wären Dinge gewesen, mit denen ich gut gekonnt hätte. Dann wäre für mich klar gewesen, dass ich mein Schippchen und mein Buddeleimerchen nehmen und wieder in meinen Sandkasten zurückkehren kann. So bleibt vor allem die Frage zurück, was ich denn nun aus der Geschichte für mich mitnehmen kann. Momentan gibst du mir dahingehend nichts mit. Es ist dieses ernüchternde „Tja, einfach Pech gehabt“-Szenario, das den suchenden Geist nicht zufriedenstellen kann.

Während wir Ursachenforschung betrieben haben, haben wir ein kleines Artefakt gefunden: Plötzlich war da wieder eine tiefe und innige Kommunikation. Diese Art des Redens haben wir in den letzten Monaten völlig verloren. Diese derart tiefen Gespräche, bei denen man weinend voreinander sitzt, im nächsten Moment wieder gemeinsam lacht und ein Paar Hormone später die Decken zerwühlt. Plötzlich waren wir uns wieder so nah, wie schon lange nicht mehr.

Innerlich habe ich schon geahnt, dass diese Episode ein nicht so schönes Nachspiel für mich bereit halten wird und ich habe mich nicht geirrt: Jetzt stehe ich immer noch auf der Suche nach meinem neuen Kostüm da, während du in deinem Häschenkostüm vor mir kniest und um Gnade flehst, nachdem du mein wunderschönes, passendes Kleid ruiniert hast. Auch wenn du mir Nadel und Faden reichst weiß ich nicht, ob ich die Geduld aufbringen kann, alles wieder zusammenzunähen. Auch die Aussicht auf ein neues Kostüm lässt mein Herz nicht hüpfen.

Ich stehe in diesem luftleeren Raum, in dem die Zeit für einen Moment stehen geblieben ist, starre die matschige Torte an, die Gäste, die mich fragend ansehen und auf eine Antwort warten und habe vor mir den Ausgang, ein neues Kostüm oder den Versuch aus dem alten Kleidchen ein noch hübscheres zu machen. Nur was ich machen soll, das weiß ich einfach nicht.

Das einzige was ich habe ist das tiefe Bedürfnis mich wieder zurück in den Dreck zu setzen und einfach einen Moment inne zu halten. Mich zu sammeln, genau zu überlegen, abzuwägen und mir die Zeit zu nehmen, die richtige Entscheidung zu treffen. Aber so, wie alles um mich herum erstarrt ist, so quietschlebendig hockst du immer noch vor mir und weigerst dich, die Szene zu verlassen. Du bist bereit so lange zu bleiben, wie ich für meine Entscheidung brauche – und wenn es Jahre dauert. Nur einfach zu gehen, das wirst du nicht tun: Auf Biegen und Brechen nicht.

Ganz weit oben in den Dachbalken des Gemäuers sitzt mein kleiner Teufel mit baumelnden Beinen, während er grinsend auf die Szenarie herabschaut. Popcorn und Cola hat er sich schon bereitgestellt für die nächste Epoche seines diabolischen Plans, während er mit den Fingern schnippt und die Szene wieder zum Leben erweckt.

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