Die Kehrtwende

Manchmal sind die Phasen im Leben, in denen man sich ganz weit unten fühlt auch genau die, in denen man über sich selbst hinaus wachsen kann. Leider ist diese Form des Wachstums gleichzeitig fast immer mit Schmerz verbunden. Ich halte mich nach wie vor tapfer. Tag für Tag stehe ich auf, gehe zur Arbeit, erfülle meine Pflichten und bin gegenüber meinen Mitmenschen freundlich und hilfsbereit. Aber innerlich habe ich das Gefühl einsam und verlassen in einer Ecke zu stehen, aus der ich einfach nicht herausfinde.

Du hast in den letzten Wochen so etwas wie eine 180 Grad-Wendung hingelegt. Der Mensch, den ich zu kennen glaubte verblasst immer mehr. Dieser geheimnisvolle Schatten, hinter den man nie so richtig blicken kann hat sich gewandelt – fast in das genaue Gegenteil. Plötzlich bist du so hilfsbereit, fürsorglich, immer da und zur Stelle wenn es etwas zu erledigen gibt. Du redest… Unglaublich viel redest du. Ich glaube in den letzten 3 Wochen mehr, als in den ganzen 3 Jahren davor. Da, wo es vorher nur Ausdruckslosigkeit gab, fließen plötzlich Tränen.

Happy End – und so lebten sie glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage, könnte man jetzt denken. Aber tatsächlich ist das nicht der Fall. Für mich ist es gar nicht so einfach damit umzugehen, dass plötzlich ein neuer Mann in mein Leben Einzug gehalten hat. Beruhigenderweise sieht er wenigstens noch so aus wie vorher, sonst würde ich echt Gefahr laufen, meinen Partner nicht mehr wiederzuerkennen.

Man trifft einen Menschen, lernt diesen kennen und verliebt sich schließlich irgendwann. Wenn man ganz viel Glück hat, wächst daraus mit der Zeit die Liebe, die mit dem Verliebt-Sein nicht mehr viel zu tun hat und dennoch den Kampf auf Zeit immer wieder gewinnt. Problematisch wird es dann, wenn sich die Eigenschaften eben genau dieses Menschen ganz plötzlich ändern. Und das nicht nur ein bisschen, sondern gravierend. Das Gesamtpaket, für das man sich einst entschieden hat gibt es plötzlich nicht mehr.

Zwangsläufig stellt man irgendwann fest, dass man sich wieder ganz neu entscheiden muss. Neu kennenlernen, verlieben, neu lieben lernen. Und das ist gar nicht so einfach. Zudem auch ehrlich zugegeben etwas gruselig. Der Mann, den ich vor ein paar Wochen verlassen habe hatte etwas, was zuvor kein anderer hatte: Er war unergründlich. Egal wie gut ich ihn glaubte zu kennen, ich wusste doch nie alles. Das war mir durchaus bewusst, aber genau die Herausforderung, die ich gesucht habe. Das goldene Ei, das es auf ewig zu knacken gilt. Gestört hat mich diese unberechenbare Größe nie, weil das Vertrauen in meinen Mann da war, dass er mich nicht hintergehen oder bescheißen würde. Im Nachhinein war das wohl etwas naiv. Und diese einseitige Suche nach einer Herausforderung musste ich teuer bezahlen.

Jetzt habe ich genau das vor mir, worauf ich eigentlich so gar nicht stehe: Einen Menschen, der mir permanent hinterherläuft und die Welt zu Füßen legt. Das klingt so gemein und abwertend, aber leider ist das die ehrliche Wahrheit. Seit ich die Männerwelt unsicher mache waren genau diese Typen nie mein Beuteschema – jedenfalls nicht für etwas Ernstes. Tatsächlich gehöre ich der Sorte Frau an, die auf Bad Boys steht. Schließlich bin ich auch ein Bad Girl und würde mich nicht gerade als ein Kind von Unschuld bezeichnen.

Dieses Dilemma hat ein bisschen was von Schwarz und Weiß: Du kannst nicht die Dunkelheit herausfordern und gleichzeitig mit brennendem Licht schlafen wollen. Wer das eine will, muss das andere mögen würde Vati jetzt sagen. Und so ist es auch. Ich muss jetzt lernen, diese so reine und liebevolle Form des Zusammenseins zu akzeptieren, denn ehrlicherweise fürchte ich mich ein bisschen vor der Dunkelheit.

Auf der anderen Seite bin ich trotz meines Bad Girl-Images eine aufrichtig und ehrlich liebende Frau: Habe ich mich erstmal gebunden, stehe ich loyal an der Seite meines Partners, wenn er mich braucht hinter ihm und wenn es ernst wird auch vor ihm. Durch dieses ganze Dilemma lerne ich eine Menge über mich selbst und wachse scheinbar über mich selbst hinaus.

Bis ich eines Morgens mein Auto auf dem Firmenparkplatz abstelle und wie gewohnt den Fußmarsch Richtung Büro antrete. Auf dem Weg über die Straße versuche ich die öligen Großstadtpfützen mit meinen Lieblingsstiefeln zu meiden und betrete nach meinem erfolgreich abgeschlossenen Ausweichmanöver den Gehweg. Als ich meinen Blick aufrichte und innerlich erstarre.

 

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