Es ist das Kind in ihr

Direkt vor mir läuft sie vorbei. Sie. Das Schreckgespenst, das mir die Nächte schwer macht und in meinem Kopf willkürlich spukt. Ich lasse mir nichts anmerken und laufe tapfer weiter. Entweder hat sie mich nicht bemerkt oder sie versucht verzweifelt zu ignorieren, dass ich gerade nur 3 Meter von ihr entfernt bin. Im Seitenprofil eröffnet ihr Anblick in meinem Gehirn die Freakshow des Jahrhunderts.

Mollig ist sie geworden. Sie sieht aufgedunsen aus. Im Haar trägt sie Haarspangen, die mich an meine Kindheit erinnern: Pink stecken sie über dem Ohr und sollen offensichtlich ihre lang gewordenen Haare davon abhalten, ins Gesicht zu fallen. Man kann sich bei dem Anblick nicht entscheiden, ob man diese Art die Haare zu tragen mit Oma oder Kind vergleichen soll. Unter ihrer legeren Jeans blitzen braun gebrannte Fußknöchel hervor, die in bunten Turnschuhen stecken.

Wie sie da so an mir vorbeiläuft, Kopfhörer in den Ohren, den Blick starr und stur geradeaus gerichtet, ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter, da fällt bei mir der Groschen: Genau DAS wird es gewesen sein. Diese kindliche Leichtigkeit und das naive vor sich herleben ohne sich Gedanken zu machen, wo man hin möchte im Leben – getrieben von der Freude und Lust am Leben – die Leichtigkeit des Seins.

Es ist keine Schönheit, kein höherer IQ oder eine größere Körbchengröße die ihr die Arme und die Hose meines Mannes geöffnet haben. Es geht nicht um tiefliegende Dinge, die ich so verzweifelt gesucht habe. Nicht das Kryptum der Erklärung, das ich zu finden hoffte. Die Lösung ist so fürchterlich und lächerlich simpel wie einfach:

Es ist ihre kindlich naive Leichtigkeit.

Das, was ich definitiv nicht habe. Zu viele schlimme Dinge musste ich von Kindesbeinen an erleben, über mich ergehen lassen und verarbeiten. So gern ich mein Gesicht hinter meinem Humor verberge, so unnahbar bin ich für die leichte Form des Lebens. Zu oft musste ich in den dunkelsten Abgründen meine Kämpfe ausfechten, um zu überleben und zu bleiben. Nein. Wenn mir etwas nicht liegt, dann ist es das seichte Laufenlassen des Lebens. Ich habe immer einen Plan, bin immer auf die unterschiedlichsten Szenarien vorbereitet, berechne Menschen und ihre Reaktionen um meine Schritte vorauszusetzen. Ich sehe und höre Dinge, die andere gar nicht wahrnehmen, weil ich die Abgründe menschlicher Wesen viel zu gut kenne.

An meinem Arbeitsplatz angekommen habe ich meine Erleuchtung bereits halbwegs beiseite geschoben und bin bereit wie immer 110 Prozent Tagesleistung zu bringen. Da springt mir in meinem Mailpostfach auch noch ihr Name entgegen. Geistesgegenwärtig öffne ich die Nachricht.

Sie ist so dankbar und konnte nach so langer Zeit endlich damit abschließen. Es geht ihr so gut damit und wenn ich Fragen hätte, könne ich sie ihr stellen.

Ich lösche die Mail, sperre meinen Rechner und gehe in die Küche. Wie im Film starre ich in das Grau des Morgens. Mein Körper bebt innerlich während ich versuche die Fassung zu wahren. Mir ist speiübel. In meinem Kopf analysiere ich die Buchstaben, die nichts weiter als Schriftart Arial und Schriftgröße 11 sind. Aber die Reihenfolge der gewählten Worte und der Zusammenhang mit dem Bild, das sie mir vor wenigen Minuten vor dem Gebäude bot ergeben gemeinsam betrachtet keinen Sinn.

Ich ärgere mich darüber, dass sie offensichtlich nicht professionell genug ist, berufliches und privates voneinander zu trennen. Mein Job ist meine heilige Zone. Private Probleme blende ich während der Arbeit aus. Auch das ist eine Methode von privatem Stress abzuschalten. Das dieser Stress nun in mein berufliches Mailpostfach Einzug gehalten hat, schmeckt mir überhaupt nicht. Das sie offensichtlich der Ansicht ist, mir als persönliche Auskunftei zur Affäre meines Mannes zur Verfügung zu stehen schmeckt mir ebenso wenig. Und noch weniger schmeckt mir, dass sie in ihrer Verzweiflung den Kontakt zu mir sucht, um sich davon abzulenken, dass sie keineswegs über irgendetwas hinweg ist.

Das sind die Augenblicke, in denen ich gern die Freakshow verlassen möchte. Wenn es nicht so abartig und traurig wäre, könnte man über so viel Lächerlichkeit schon wieder lachen. Da hält der eigene Mann in ein anderes Loch, entwickelt sich danach zum treusorgenden Partner des Jahrtausends, während seine Affäre bei der betrogenen Frau anklopft und sich als Lexikon des Affärenwissens zur Verfügung stellt. Das sind genau die Situationen, in denen mir unweigerlich speiübel ist, weil selbst mein Körper Synapsen entwickelt, die dieses Dilemma nicht mehr ertragen wollen.

So bescheuert das ist, aber zwischen all diesen Parteien stehe ich und halte die Affenshow ohne es zu wollen aufrecht. Dabei möchte ich eigentlich nur noch gehen. Nein. Das stimmt nicht: Am liebsten würde ich schreiend davon laufen. In die Arme eines korrekten Mannes, der so einen unausgegorenen Mist nicht macht, weil er weise und reif genug ist vorher darüber nachzudenken, welche Konsequenzen die falsch gewählte Vagina mit sich bringen kann.

Zwischen all diesen Gedanken, Emotionen und Eindrücken spiele ich tagtäglich PingPong. Zum Schluss bleibt nur eins mit Sicherheit: Ich stehe zu mir, meinem Tiefgang, meinem komplizierten Wesen und meinen vielen Emotionen. Ich bin gut zu mir und versuche meine kleine Seele heil und wohlbehalten dorthin zu bringen, wo es ihr gut geht und sie sich wohl fühlt. Wo das sein wird? Ich weiß es selbst nicht. Bis ich die Antwort gefunden habe wird es meine Aufgabe sein, auf mich selbst aufzupassen.

So, wie Löwinnen das eben machen.

4 Kommentare zu „Es ist das Kind in ihr

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    1. Vielen Dank! Ich freue mich, wenn dir meine Texte gefallen. Wunde und klaffen sind so dramatische Worte… Heut ist es ein Kratzer, morgen eine Rötung und ein paar Tage später eine kleine Narbe. Die Zeit heilt alles. Und das Schreiben 😉

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      1. Finde ich sehr gut die Einstellung. Wollte Dir auch nicht zu nahe treten. Ich hatte nur den Eindruck, dass es dich schon belastet? Ja das Schreiben hilft über vieles hinweg. Das weiss ich aus eigener Erfahrung. Ich hoffe wir lesen noch sehr viel voneinander. Alles Liebe

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      2. Du bist mir nicht zu nahe getreten – alles gut. 🙂 In meinen beiden folgenden Artikeln nehme ich euch mit auf die Reise in meinem Kopf, was mich denn so stört. Ich freue mich sehr von euch zu lesen! Alles Liebe für euch!

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