Eine Busfahrt, die ist lustig…

Momentan stehe ich vor der Frage, wie es nun weitergehen soll. Emsig habe ich sie beiseite geschoben – solange es möglich war. Bis mich meine beste Freundin fragt, was es denn nun ist. Dieses Etwas, das wir miteinander haben. Ich tue das, was ich immer tue, wenn mir jemand diese Frage stellt: Ich reihe möglichst viele unverständliche Worte aneinander, schaffe einen Algorithmus aus Nebensätzen und wechsele zum Abschluss gekonnt das Thema. Ich kann und ich will diese Frage noch nicht beantworten.

Ich will dir nicht die Absolution erteilen, dass das, was du getan hast in Ordnung war, und wir einfach weitermachen. Das fühlt sich nicht richtig an nach allem, was passiert ist. Wenn nur Piercing Donald das Hindernis wäre… Himmel, das wäre so lächerlich einfach. Aber das ist es leider absolut nicht, denn da sind noch weit mehr Probleme, die im Raum stehen. Betrachten wir unsere Reise bildlich, dann macht das Dilemma zumindest mir etwas Spaß:

Stellen wir uns mein Vertrauen als Bus auf seiner Route vor. Ganz vorne am Steuer sitze ich. Du bist der Schaffner, lochst die Fahrkarten (was für ein witziges Wortspiel!), öffnest die Türen und hilfst den Passagieren hinaus, wenn wir eine Haltestelle erreicht haben.

Erste Station

Wir sitzen auf der Couch und diskutieren über unsere Zukunft. Ich bin wenig optimistisch, nachdem ich mir mal wieder von einer Bekannten anhören durfte, dass sie meine Beziehung sehr merkwürdig findet. „Er ist doch nie da!“ hat sie geschimpft, während sie an ihrer Zigarette gezogen hat. Ich starrte nebenbei Löcher in den Himmel während sie fortfährt: „Immer bist du allein, auch wenn du den Kleinen hast. Irgendwann zwischen 10 und 11 abends fährt er dann vor, um einen Tag später wieder für Tage oder Wochen zu verschwinden. Ich sag dir, der vögelt nebenbei andere. Das ist doch nicht normal!“ Diese Art von Gesprächen habe ich oft mit Bekannten oder Freunden führen müssen. Auch wenn ich dich immer verteidigt habe, weil du ja schließlich deine Freiheit brauchst genauso wie ich auch, so hätte ich anstelle dieser Bekannten oder Freunde genau das Gleiche vermutet. Mir tat das immer sehr weh. Denn was ich nie zugegeben habe: Sie hatten zumindest in dem Teil recht, dass ich mich oftmals allein und einsam gefühlt habe. Oft genug hätte ich mir Unterstützung gewünscht, die nicht da war, weil sie gerade an einem unbekannten Ort unbekannte Dinge in unbekannter Weise getan hat.

Mit diesen Gefühlen im Bauch habe ich versucht herauszufinden, wann du vorhast, die Beziehung mit mir in verbindlichere Fahrwasser zu führen. Deine Antwort darauf war immer die Gleiche: Irgendwann würden wir zusammenziehen, aber noch nicht jetzt. Du wärst noch nicht so weit, man solle sich bei sowas Zeit lassen usw. Aus unserer Couch-Diskussion wird ein kleiner Streit, bis ich schließlich meine Lösung des Problems herausposaune: „Weißt du was?“ habe ich damals meine Ausführung begonnen: „Wir werden nichts weiter als eines dieser Pärchen sein, dass eine Zeit lang gemeinsam den Weg geht, bis einer von beiden was Besseres gefunden hat. Dann wird sich das Thema mit uns erledigt haben.“ Ich habe meinen Mund noch nicht mal ganz geschlossen, da watscht es in meinem Gesicht. Ich ringe nach Fassung, als ich spüre, wie sich warmer Kaffee auf meinem Schoß ausbreitet. Ich hatte einen Kaffeebecher in der Hand, der sich durch deine Ohrfeige und die daraus entstehende Zuckung in meinem Körper aus dem Becher heraus auf meine Hose gemogelt hat. Ich starre auf meine Hose und glotze den Beweis an, dass du mir gerade wirklich eine geknallt hast. Sekunden später werfe ich dich aus der Wohnung und bleibe fassungslos zurück. Ich greife mein Handy und rufe meine beste Freundin an – wie immer, wenn ich das Gefühl habe, im falschen Film zu sein.

Die erste Haltestelle ist erreicht. Die Tür öffnet sich, während du das körperliche Angehen einer Frau am Schlawittchen hast und mit einem kräftigen Tritt in den Allerwertesten auf den harten Betonboden katapultierst. Die Tür schließt sich, als das kleine Häufchen Elend auf dem Gehweg dem Bus ungläubig hinterherschaut. Fassungslos darüber, wie der Fahrer dieses Verhalten hinnehmen und die Tour ungerührt fortsetzen kann.

Zweite Station

Tag und Nacht hängst du an deinem Telefon. Ständig und immerzu hältst du dieses Ding in der Hand, das sich langsam aber sicher zu einem ernsthaften Konkurrent für mich entpuppt. Ab und an kann ich einen Blick darauf erhaschen, wenn du mal wieder daran herumdoktorst – Spiele hier. Spiele da. Manchmal sind es aber auch Nachrichten, die du schreibst. Wenn ich vorsichtig und über drei Ecken nachfrage, mit wem du gerade schreibst, bekomme ich oft keine wirkliche Antwort. Nach Monaten, in denen ich dein Handy stillschweigend als Konkurrenz hingenommen habe, reicht es mir schließlich: „Weißt du was?“ posaune ich dir provozierend entgegen. „Wenn du nichts zu verheimlichen hast dürfte es doch kein Problem sein, wenn wir beide mal in deine Nachrichten hineinsehen, oder?“ Deine Gesichtszüge werden starr. Wenn du wütend wirst, spitzt du deinen Mund ganz merkwürdig, während deine Stimmlage tiefer wird und du die Konsonanten viel stärker als üblich betonst: „Nee, muss ich überhaupt nicht. Ich muss nämlich gar nichts. Mein Handy ist meins. Das ist Privatsphäre. Das Einzige, was wirklich meins ist und in dem niemand herumzuschnüffeln hat. Und nein, du wirst da nicht hereinschauen.“

Jetzt kann ich es dir ja sagen – ist ja schließlich eh alles Wurst: Ich kannte damals schon deinen Code zum Entsperren des Handys, habe aber dennoch nie hineingelunscht. Denn ich akzeptiere die Privatsphäre meines Partners. Hätte ich das mal früher über Bord geworfen, ich Trottel. Und weißt du, warum ich nichts weiter auf deine Ansage erwidert und das Thema ausdiskutiert habe? Seit der ersten Haltestelle hatte ich Angst, wenn du wütend geworden bist. Ich hatte Angst davor, dass du mir wieder eine klebst oder womöglich noch einen Schritt weitergehst. Deswegen habe ich nichts gesagt.

Wir erreichen die nächste Station. Fahrerwechsel. Ich sitze nicht mehr am Steuer, sondern schaue vom Platz neben dem Fahrer zu. Der Bus wird jetzt von jemand anderem gefahren und gelenkt. Sein Name ist Angst.

Fortsetzung folgt

 

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