… eine Busfahrt, die ist schön

dritte Station

Du planst einen Kurzurlaub. Eine alljährliche Veranstaltung, an der ich nicht sonderlich interessiert bin. Also ist klar, dass du allein fahren wirst. Nach Kreta soll es gehen. Wäre da nicht kurz vorher eine echt hartnäckige Erkältung, die sich später beim als Arzt als bakterielle, tickende Zeitbombe herausstellt. Ich mache mir Sorgen und ahne, dass du vorhast, mit diesem Mutanteninfekt dennoch nach Kreta zu reisen. „Wenn du mit diesem Infekt fährst, wird nach deiner Ankunft selbiger dein geringstes Problem sein“ habe ich damals wütend gefaucht. Der Arzt sagte, dass nicht mehr viel zur Lungenentzündung fehlt. Ich war wirklich krank vor Sorge und habe deshalb zu dieser ziemlich gemeinen Drohung gegriffen. Anders bekommt man dich ja nicht zur Vernunft. Nein, du bleibst zuhause hast du gesagt.

Mein Kind und ich sollten uns nicht anstecken, also war es mir nur recht, dass du zuhause das Bett gehütet hast. Über zwei Wochen ging das so. Zwei Wochen, in denen wir per Nachrichten miteinander kommunizierten. Wenn ich dich versucht habe anzurufen, bist du nicht ran gegangen. Nicht sprechen könntest du, hast du mir erzählt. Nach zwei Wochen immer noch keine Stimme? Und wieder war es da. Dieses merkwürdige Bauchgefühl, dass etwas nicht stimmt. Schließlich sind zwei Wochen Quarantänezeit um. Morgens frage ich nach, was du machst. Im Bett liegen, vielleicht noch zu deinem Vater am Nachmittag – mehr wird nicht passieren – schließlich fühlst du dich nicht. Das passt mir perfekt, um mich spontan ins Auto zu setzen und zu dir zu fahren. So ansteckend wirst du nach zwei Wochen Antibiotikum nicht mehr sein. Bei dir angekommen öffnet deine Mitbewohnerin. Ich schlüpfe an ihr vorbei und murmele auf dem Weg in dein Zimmer was von Krankenbesuch, als sie mich schmunzelnd und entgeistert zugleich ansieht: „Du, er ist doch gar nicht da. Er ist doch auf Kreta!“

Ich werde nie vergessen, wie ich da in eurem Flur stand und mir vor Scham wohl alle Farbe aus dem Gesicht gewichen ist. Im Erdboden wollte ich versinken – so peinlich war mir diese Situation. Als ich mich vorschnell verabschiede und zu meinem Auto laufe, rollen schon dicke Tränen über meine Wangen, während ich eine Nachricht für meine beste Freundin aufnehme… Die Fassungslosigkeit ist mal wieder eingetroffen und hat Glitterstaub mitgebracht…

Das ist die dritte Haltestelle. Ein dicker, fetter Mann namens Vertrauen steigt aus, während eine kleine, zierliche Vertrauensdame statt seiner in den Bus einsteigt. Damit wir noch etwas mehr Geld auf der Fahrt verdienen kommt ein Plakatmensch und bastelt Werbung an die Fenster: „Agentur Alibilügen hat freie Plätze zu bieten – bewerben Sie sich jetzt! Schwindelei zum Discountpreis!“ Die Angst hat den Fahrersitz für die Enttäuschung geräumt und zwinkert mir aufmunternd zu, während sie aus der Tür auf der Fahrerseite aussteigt und in die Dunkelheit verschwindet.

vierte Station

Es wird Morgen. Die Sonne geht auf und kitzelt mein Gesicht, als ich das erste Mal seit langer Zeit spüre, wie ich beginne, mich auf meinem Platz in meinem Bus wohler zu fühlen. Die Fahrgäste beginnen dich zu mögen, weil du nicht mehr ständig meckerst und sie nun höflich und mit einem Lächeln nach ihren Fahrkarten fragst.

Wir schauen uns eine Wohnung an. Als wir in diesen 4 Wänden stehen, hüpft mein Herz. Nach so langer Zeit und Suche endlich eine Wohnung, die mir so wie sie ist, unglaublich gut gefällt. Sie ist perfekt! So gar ein eigenes Scheißhaus für dich hatte sie zu bieten. Nie wieder Gasangriffe beim Zähneputzen – Hurra! Die Küche, der Essbereich mit Tresen, alles neu und das Feinste vom Feinsten. Wenn wir Lust auf die Wohnung haben, können wir eine Mail schreiben und der nette Makler lässt uns alles zukommen. Er mag uns – das merkt man. Endlich mal ein gutes Gefühl und eine perfekte Wohnung. Ich kann mein Glück kaum fassen. Abends einigen wir uns darauf, dass du ihm am nächsten Tag die Mail schreibst, das wir interessiert sind. Abends werde ich unruhig, als ich nichts von dir höre. Hat sich der Makler etwa nicht gemeldet? Untypisch für den Wohnungsmarkt in unserer Gegend. Da sind die Makler schneller als die Polizei erlaubt, weil auch sie sich die Rosinen unter den Bewerbern herauspicken. Er war begeistert von uns, warum meldet er sich dann nicht? 5 lange Tage stelle ich mir diese Frage, als du mir schließlich sagst, dass ein anderes Pärchen das Rennen um die Wohnung gewonnen hat. Ich sitze auf Arbeit vor meinem Rechner und starre enttäuscht Löcher in die Luft. Es war DIE Wohnung. Das perfekte Heim! Kurze Zeit später beschließe ich, den Makler wenigstens darum zu bitten, uns bei nächsten Wohnungsbesichtigungen mit zu berücksichtigen. Vielleicht hat er zumindest ähnliche Objekte in Petto.

Tuuuuuut….. tuuuuuuut…. „Ja Hallo?“ Ich hole tief Luft und schließlich sprudelt ein Psalm genau geplanter Wortkombinationen auf den armen Makler ein. Mitten in meiner Ausführung darüber, dass ich untröstlich über die Tatsache bin, dass ein anderes Pärchen das Rennen um die Wohnung gewonnen hat, unterbricht mich der Makler: „Liebe Frau, welche Wohnung meinen Sie denn? Die, die wir uns gemeinsam angesehen haben, steht nach wie vor leer. Und wann hat ihr Lebensgefährte mir eine E-Mail geschrieben? Ich schaue gerade parallel in meinem Postfach, kann aber nichts finden? Ich hatte mich schon gewundert, dass von Ihnen gar nichts kam. Natürlich kann ich mich noch an Sie erinnern!“

Schließlich klickt es in meinem Kopf und alle Puzzleteile fügen sich zusammen. Deswegen wolltest also DU unbedingt die E-Mail schreiben. Deswegen sollte ich nichts tun und dir alles überlassen. Deswegen kam ewig keine Antwort. Es gab kein anderes Pärchen genauso wenig, wie es jemals deine E-Mail an den Makler gab…

Alle Versuche, dem Makler eine halbwegs glaubwürdige Geschichte aufzutischen, dass es sich hier um ein Missverständnis handelt waren vergeblich. Er wollte sich noch einmal melden, hat das aber bis heute nicht getan. Verstehe ich auch. Leider ist er genauso wenig doof, wie ich es bin.

Ich schreibe meiner besten Freundin eine SMS und wir bekunden uns gegenseitig unsere Fassungslosigkeit.

Wir erreichen die vierte Haltestelle. Die Enttäuschung macht gerade ein kurzes Päuschen um sich auf die lange Weiterfahrt vorzubereiten, die ihr noch bevorsteht. Währenddessen haben sich alle Plätze geleert. Die Fahrgäste haben erkannt, dass dieses freundliche Gesicht deinerseits nur aufgesetzt und nicht echt ist. Alle miteinander haben sie sich so unwohl gefühlt, dass sie lieber den nächsten Bus nehmen möchten. Übrig sind nur noch die zierliche Vertrauensdame, die sich gerade auf dem Bordklo die Seele aus dem Leib bulimiert und ein richtig furchtbar fettleibiger unfreundlicher Mann. Er sitzt ganz hinten auf der 4er-Reihe, die er auch komplett ausfüllt. Als die Enttäuschung losfahren möchte, muss sie das Gaspedal ganz schön durchtreten, weil der Bus Schwierigkeiten mit seinem hinteren Gewicht aufgrund des dicken unfreundlichen Mannes hat.

Gleichgültigkeit heißt er, wenn ich mich recht erinnere…

 

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