Endstation

Die fünfte und letzte Station war dann schließlich Piercing Donald.

Dieses Mal haben wir es nicht bis zur Haltestelle geschafft. Der dicke Mann namens Gleichgültigkeit und die zarte Vertrauensdame stehen kurz vor einer mittelschweren Panikattacke, als ich Enttäuschung anschreie, sie möge endlich anhalten. Du schaust genauso verwirrt aus der Wäsche, als ich durch die Fahrertüre nach draußen stürme, die Motorhaube aufreiße und dicker Qualm in Schwaden emporsteigt. Während alle so vor sich hinträumten, habe ich als einzige gesehen, dass der Bus qualmt und offensichtlich kaputt ist.

Die zarte Vertrauensdame hat genug, steigt aus, betritt den Gehsteig und geht schnurstracks ohne umzudrehen ihres Weges. Wie sich herausstellte leidet sie nicht unter Bulimie, sondern unter Liebeskummer. Ich habe die Taschentücher und den Grünohrhasen von Katjes auf ihrem Platz gefunden. Nur der dicke Gleichgültigkeitsmann sitzt noch auf seiner 4er-Bank und schimpft, warum es denn nicht weitergeht. Während ich und die Enttäuschung rätseln, was nun zu tun ist, hast du eine Idee.

Kurze Zeit später kommt ein aus-kaputt-mach-heile Mensch und krabbelt zur Hälfte in den Motorraum um zu schauen, wo das Problem liegt. Schließlich wirft er seinen öligen Lappen auf die Motorhaube und gibt uns den Tipp, erst einmal weiterzufahren. Das Qualmen sei nicht schlimm, gibt sich schon wieder. Ich weigere mich. Ich werde nicht mit einem kaputten Bus weiterfahren. Auch um die Fahrgäste, die sicher nie mehr in unsere Buslinie steigen werden, trauere ich noch. Die Scheiß Werbung hat uns auch nichts eingebracht – außer ein schlechtes Image. Du bist plötzlich Feuer und Flamme. JETZT möchtest du alles besser machen, nett zu den Gästen sein, hilfsbereit zur Seite stehen und alles richtig machen.

Alle Versuche, mich zum weiterfahren zu ermuntern scheitern.

Und jetzt mein Herz, sind wir wieder im Hier und Jetzt. Falls du dir tatsächlich die Mühe gemacht hast, alle 5 Stationen durchzuhalten und weiterzulesen, bis zu diesen Zeilen, dann tue es bitte noch einmal. Lese dir alles durch, was ich so wunderschön mit Metaphern versucht habe, so sachlich und verständlich wie möglich zu schreiben.

Sicher gibt es noch einige Haltestellen mehr, die Essenz in Gefühlen ausgedrückt, bleibt jedoch immer die Gleiche:

  • Wut
  • Angst
  • Enttäuschung
  • Hoffnung
  • Enttäuschung
  • Traurigkeit
  • Hoffnung
  • Enttäuschung
  • Wut
  • AUS

Und nun möchte ich dir eine Frage stellen: Was würdest du am Ende dieser Lügen-Reise tun?

Würdest du mit einem Schrotthaufen weitermachen? Wärst du dazu imstande, zwei ganze Jahre voller herber Enttäuschungen, auf die nur noch mehr Enttäuschungen folgten einfach so wegzuwischen? Schwamm drüber, alles halb so wild? Wird schon wieder? Bis du heiratest, ist der Schmerz weg?

Der Reparaturmensch des Busses war übrigens der Paartherapeut. Ein netter Kerl mit einer Menge Humor. Ich kann ihn wirklich gut leiden. Aber sein Fokus auf die Zukunft eines Paares in unserer ersten Sitzung hat mich ganz schön wütend gemacht. Ich habe überhaupt keine Lust, über eine Zukunft nachzudenken. All der Schmerz, den ich über einen ziemlich langen Zeitraum gesammelt habe, hat sich jetzt zu einem riesigen Klops formiert, der weder vor, noch zurück rutschen möchte. Ich muss diesen fetten Kloß erst einmal in seine Einzelteile zerlegen und mir anschauen, was ich aus all dem für mich mitnehmen kann.

Dieser Klops hält ganz sicher nicht nur schlechtes bereit. Wenn ich ein bisschen in der Scheiße wühle kann ich herausfinden, wie ich es besser machen kann. Was ich ändern kann und an welchen Stellen ich aufpassen sollte. Aber ganz ehrlich:

Ich habe trotz allem nur einen geringen Anteil Verantwortung an meinen Haltestellen zu tragen. Ich spreche mich hiermit offiziell frei davon

  • belogen
  • betrogen und
  • enttäuscht

worden zu sein. Die Beziehung mit ihren Ecken und Kanten, die habe ich mit geformt. Das ist so klar wie Kloßbrühe (Hurra – schon wieder ein Wortspiel!). Die Entscheidung zu lügen, hast jedoch du getroffen. Die Entscheidung, mich zu hintergehen, hast du getroffen. Die Entscheidung, mit einer anderen Frau zu schlafen, als ich dich meiner Wohnung verwiesen habe, die hast du getroffen. Und die Entscheidung mit einer weiteren Frau eine Affäre zu beginnen, als ich dich meiner Wohnung verwiesen habe und diese Affäre weiterzuführen, als du bereits wieder Eintritt in meine Wohnung hattest bis hin zum Sex mit dieser Frau, während du wieder in meinem Bett schlafen durftest: Auch diese Entscheidung hast du getroffen.

Jedes Mal, wenn ich versucht habe dich aufzuwecken und dir begreiflich zu machen, dass deine Unverbindlichkeit und deine Lügen anfangen, aus mir einen anderen Menschen zu machen, hast du noch nachgetreten. Jedes Mal, wenn ich mich durch Abstand versucht habe vor dem zu schützen, was mir sonst widerfahren könnte, hast du noch einen drauf gesetzt. Und jedes Mal, wenn ich versucht habe dir begreiflich zu machen, dass meine Liebe zu dir beginnt, mich von innen heraus aufzuessen, hast du es zugelassen, dass ich ein bisschen mehr daran kaputt gehe.

Und schwupps – soeben habe ich die Antwort auf die Frage, was es denn nun ist, was wir miteinander haben gefunden: Es ist gar nichts! Denn was immer es ist, ich kann es nicht mehr fühlen, weil du mich ein bisschen zu doll kaputt gemacht hast. Ich kann mir jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und jede Sekunde neu überlegen, wie ich es nennen und handhaben will. Ich muss nämlich nach all diesen Entscheidungen von dir gar nichts! Ich kann das Leben genauso für mich entscheiden lassen, ohne mir großartig Gedanken zu machen.

Ich befinde mich nämlich in einem Ausnahmezustand, in dem ich mich auf das besinne, was mir wichtig ist: Mein Kind, mein Job, meine Freunde und meine Tiere.

Der Haushalt ist mir völlig wurscht. Was andere über mich denken, ist mir schon lange wurscht. Und was und wer du für mich bist, ist mir seit neuestem genauso wurscht. Es ist mir einfach so egal geworden. Während allesamt nämlich am Bus rumgefummelt haben, habe ich festgestellt, dass der dicke Gleichgültigkeitsmann doch ganz sympathisch ist. Bei dem kann man sich ganz prima verkrümeln und die Außenwelt einfach Außenwelt sein lassen. Ihr habt alle kurz nicht aufgepasst, da bin ich einfach mit ihm mitgegangen.

Jetzt sitze ich übrigens neben meinem Teufelchen. Er schimpft jedes Mal, wenn ich mich an seinem Popcorn bediene und von seiner Cola trinke. Ich mache mir jetzt immer einen Spaß daraus, in dem ich mir den Mund mit so viel Popcorn, wie nur irgend möglich vollstopfe, ihn mit großen Augen ansehe, ein ernstes Gesicht mache und mit jedem Wort mein Popcorn aus meinem Mund auf ihn schieße:

„Miff kriegfft du nifft du kleineff Affloff! Miff nifft!“

 

 

Anmerkung des Teufelchens:

„Scheiße, macht die Alte mir Angst!“

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