Schatz, wir müssen reden!

Es sind wieder trübere Tage angebrochen. So, wie die Bäume draußen ihre Blätter verlieren habe ich das Gefühl, dass meine Synapsen auf den Wegen herumliegen und von allerlei Füßen platt und matschig getreten werden.

Erst heute morgen, direkt nach dem Aufwachen habe ich mir wieder die Frage gestellt, was es denn nun eigentlich ganz genau ist, was mich so beschäftigt. Nach ausgiebiger Grübelei nähere ich mich dem Ergebnis. Eigentlich darf man das wirklich niemandem erzählen weil die Gefahr groß ist, für völlig bescheuert erklärt zu werden: Ich glaube felsenfest daran, das all diese tausend Gedanken, die in meinem Kopf und den Zeilen dieses Blogs umherspuken am Ende meiner wahnwitzigen Sortiererei zu einer für mich logischen Erklärung führen werden. Der Bossthese sozusagen, die meine Welt wieder glitzern lässt. Ich gehöre zur Gattung dieser anstrengenden Menschen, die alles verstehen müssen, um es zu begreifen. Wahrscheinlich war ich auch deswegen immer so schlecht in Mathe.

Die Dinge, die man mit Zahlen tun kann, sind für mich rein fiktiv. Irgendwann hat sich mal ein schlauer Mensch mit übermäßiger Langeweile überlegt, was man mit diesen erfundenen Zahlendingern so alles anstellen kann. Und schließlich hat er seine 75.000 Varianten in Lehrbücher geschmaddert, die dann wiederum von Nerd-Genies ausprobiert, für sinnig befunden und an das Schulsystem weitergegeben wurden. Dort steht dann die gefürchteste Spezies auf dieser Erde überhaupt – nämlich Mathelehrer – und lassen all die Kinder an ihren Worten verzweifeln, die so sind wie ich. Die Kinder, die alles antatschen, ausprobieren und erfahren müssen, um es als gesetzt zu begreifen. 1 und 1 werden immer 2 bleiben, das Ding mit der Bruchrechung und der Torte ging ja auch noch in meinen Kopf, aber bei Sachaufgaben hörte dann alles auf. Mir doch egal, wie lange ein Stern braucht, bis er auf der Milchstraße zum Mond und zurück gesurft ist. Mich würde die Aussicht, die er dabei hatte viel mehr interessieren…

Die Antwort auf meine Frage, was denn nun die Quintessenz meines Problems mit deinen Betthupferln ist, ist so kompliziert, dass ich zwischendurch Denkpausen einlegen musste. Die Standardantwort in solchen Fällen lautet ja meist, dass es einfach uncool ist andere Frauen zu vernaschen, während man in einer Beziehung lebt. So einfach mache ich es mir aber nicht. Ganz im Gegenteil: Ich kann das sogar verstehen. Ich bin nicht das erste Mal in einer längeren Beziehung. Aus eigener Vorerfahrung weiß ich selbst ziemlich genau, wie öde und langweilig so eine Partnerschaft werden kann, die vom Alltag gefressen wurde.

Geschlafen haben wir monatelang nicht miteinander. Ich war einfach nur kaputt und müde. Wenn ich mal ein Fünkchen Lust verspürte, hat das aufgequollene Menschenklopsding neben mir im Bett – das sich womöglich gerade noch den Sack gekratzt hat – diesen direkt wieder verpuffen lassen. Andersherum wird es ähnlich gewesen sein. Mit dem Teint einer Vampirdame und den Augenringen von Gollum möchte Mann sicher auch nicht gern die Nacht verbringen. Hinzu kommt, das Paare in längerer Beziehung das Knutschen und Kuscheln vernachlässigen. Ob Männer da ähnlich ticken, weiß ich nicht (Memo an mich selbst: Männerbefragung zu diesem Thema anstoßen). Aber von uns Frauen weiß ich sehr genau, dass wir nicht einfach eine Birne einschrauben, anknipsen und fertig ist der Lack für pompöse Nächte mit denkwürdigen Orgasmen. Ein langer und intensiver Kuss, einfaches Schmusen und liebevolle Berührungen – das ist die wahre Starthilfe für alltagsgeplagte Ladies. Dahingehend sind wir völlig eingeschlafen. Wir waren uns so selbstverständlich und des anderen so sicher.

Wenn ich mir die Situation andersherum vorstelle wüsste ich auch nicht, ob ich nicht selbst schwach geworden wäre. Ein Mann mit Denksportaufgaben für mich, gutaussehend mit Charme und Humor und jeder Menge Aufmerksamkeit… Ziemlich sicher hätte mich das gelockt. Das Kribbeln im Bauch. Der Reiz des Unbekannten. Einen anderen Körper erkunden, als den, den man in und auswendig kennt. Neue Arten der Berührung erleben. Ich liebe dieses Spiel ganz genauso und würde sicher nicht ablehnen, würde sich eine Gelegenheit ergeben.

ABER:

Diese Gelegenheit hat sich mir nicht eröffnet. Nicht, weil ich ein hässliches Entlein bin, stinke oder unfähig bin, meine weiblichen Reize für mich spielen zu lassen. Oh nein… Auf diesem Gebiet kenne ich mich viel zu gut aus, als das mir ein Flirt entgehen könnte. Es gibt durchaus den ein oder anderen Mann in meinem Umfeld, der mich reizt. Allerdings kommt es in meiner kleinen treuen und verstaubten Welt gar nicht so weit, wie es bei dir der Fall war. Ich sehe sehr wohl, wenn jemand an mir interessiert ist, aber ich sende keine Signale zurück. In die oben beschriebene Situation eines Verehrers könnte ich nur kommen, wenn mich jemand so anziehend findet, dass er sich regelrecht anbieten müsste. Von mir kommen keine weiteren Signale. Auch wenn es nicht perfekt in unserer Beziehung gelaufen ist, so habe ich die Grenzen die ich mir selbst gewünscht habe immer eingehalten. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen den netten Kollegen anzusprechen, der mir jedes Mal wenn wir uns sehen etwas besser gefällt. Oder den netten Bäckersmann mit den wunderschönen azurblauen Augen. Auch den Werkstatttypen nicht, der sich immer ganz besonders aufopferungsvoll um meinen Räderwechsel kümmert.

ABER

Wäre da Mister X gewesen, der seinen dicken, wertvollen Schlitten geparkt hätte, um mich anzusprechen, der mich mit Bildung gefangen genommen und mit Gesprächen seelisch gefoltert hätte… Der mit seinem Aussehen und seinem Charme die Frauenwelt drumherum wahnsinnig gemacht und dennoch nur mich gewollt hätte… Der die sexuelle Ausstrahlung eines Alphamännchens gehabt hätte… Oh ja… Ich wäre dahingeschmolzen.

ABER

Ich wäre an Ort und Stelle ganz nah an ihn herangetreten, so, das ich seinen Geruch hätte einatmen können, hätte sein Gesicht liebevoll in die Hand genommen, meinen Mund ganz nah an sein Ohr geführt und ihm mit einem Hauch Sinnlichkeit geflüstert: „Warte hier auf mich. Ich komme wieder, aber vorher muss ich was Wichtiges erledigen.“

Während er wahrscheinlich gedacht hätte, ich würde Kondome holen, wäre ich nach Hause gefahren, hätte Kaffee gekocht und mich mit dir an einen Tisch gesetzt, um folgendes Gespräch mit folgenden Worten zu beginnen:

„Schatz, wir müssen reden.“

Fortsetzung folgt

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