Jagdinstinkt

Und während wir an diesem Tisch gesessen und Kaffee getrunken hätten, hätte ich dir gesagt, dass es da jemanden gibt, der mich sehr reizt. Das ich mich umworben fühlen würde und mir das rege Interesse so schmeicheln würde. Das die Gespräche angenehm seien und ich diese Form der Kommunikation sehr genieße.

Dein Sicherheitsgefühl, was mich betrifft hätte sich sofort und auf der Stelle in Luft aufgelöst und wäre dem Spielfeld des Lebens gewichen, in dem es vor allem darum geht, sich seiner Sache nie sicher zu sein. Dir wäre der Schleier von den Augen gewichen und du hättest so etwas, wie eine Erleuchtung erlebt.

Geblendet von der Helligkeit hätte es nicht lange gedauert, so hätten wir in diesem Gespräch die Schleife gezogen, warum das bei uns nicht mehr so ist. Wir hätten die perfekte Plattform auf diesem scheiß Kaffeetisch gehabt, um endlich wieder miteinander in Kontakt zu treten.

Ich hätte dir sagen können, dass du mich in deiner weiß-blauen Unterhose absolut abturnst, das man in einer Beziehung darauf achten sollte, für den anderen attraktiv zu sein. Wir beide hätten die Erkenntnis mitnehmen können, dass es sich immer lohnt, sich zurecht zu machen – sei es nur für sich selbst. Wir hätten die Bremse dafür ziehen können, dass wir uns gehen lassen haben.

Ich hätte dir sagen können, dass du mich auch nach 3 Jahren sehr gern nach allen Regeln der Kunst verführen darfst, weil mich das ganz besonders auf ein Schäferstündchen einstimmt. Ich hätte dir sagen können, dass der Sex mit dir etwas eintönig geworden ist und mir die Leidenschaft fehlt, die wir einst hatten. Du hättest mir sagen können, dass es dir fehlt auch von mir erobert oder verführt zu werden. Dass du dich nicht sehr begehrt fühlst und die Leidenschaft vermisst. Dann hätten wir versucht einen Deal auszuhandeln, wer denn nun anfangen muss den anderen zu verführen, während sich ganz sicher in einer witzigen Erober-mich-zuerst-Diskussion das ein oder andere Sexualhormon in unserer Blutbahn auf den Weg gemacht hätte.

Ich gebe dir Brief und Siegel – wir hätten spätestens am Abend den Plan mit der Eroberungstaktik bereits in die Tat umgesetzt. Dann hätten wir in unseren zerwühlten Laken gelegen mit dem glückseligen Gefühl im Bauch, dass wir es immer noch können. In Hormonen getränkt hätten wir aneinandergekuschelt da gelegen und uns gefragt, was mit uns passiert ist? Warum wir das so lange nicht mehr hatten?

Wir hätten gemeinsam gekramt und herausgefunden, dass wir es zugelassen haben, vom Alltag aufgefressen zu werden. Wir hätten die Regelung getroffen, mindestens einmal im Monat eine Unternehmung zu machen, die wir noch nie ausprobiert haben. Wir hätten uns im Angesicht unserer erregten Hitze gesagt, dass wir uns immer noch lieben und wir – zumindest was das angeht – keinerlei Probleme vorzuweisen haben. Dann hätten wir erleichtert zusammen darüber gelacht, das wir wenigstens diesen Teil bewahrt haben. Vielleicht hätten wir uns noch geküsst, bevor wir in Runde 2 eingestiegen wären um von der Abwechslung gleich noch einmal zu kosten.

Am nächsten Morgen hätten wir beide die Augen aufgeschlagen mit dem Gefühl der Dankbarkeit, das wir uns haben. Das wir uns lieben. Und das wir uns irgendwann in unserem Lebensplan begegnet sind. Du hättest mir beim Frühstück geholfen und ich wäre glücklich, gevögelt und zufrieden zur Arbeit gefahren.

In meiner ersten Raucherpause hätte ich festgestellt, dass der Kollege immer noch total interessant ist, aber ich hätte daran gedacht, wie schön die letzte Nacht war und wie sehr ich dieses kleine Ding schätze, dass sich Liebe nennt und das ich treffen durfte. Ich hätte innerlich über den Gedanken geschmunzelt, dass ich so furchtbar glücklich bin, dieses Glück zu haben. Dann hätte ich mich über mein erdachtes Wortspiel gefreut und wäre wieder frohen Mutes an die Arbeit gegangen.

Und schließlich wäre ich zu Mister X zurückgekehrt, wie ich es ihm versprochen habe. Aber nur um ihm zu sagen, dass aus uns leider nichts wird. Wir hätten trotzdem die Nummern ausgetauscht, falls ich mal Single werde. Dann hätte ich zumindest einen Alternativplan in der Schublade. Er wäre mit seinem dicken Schlitten davongefahren. Ich hätte ihm wahrscheinlich kurz wehmütig hinterhergeschaut mit der Frage im Bauch, ob ich auch wirklich keinen Fehler begehe. Spätestens eine Minute später wäre diese Frage obsolet gewesen, wenn er direkt die nächste gutaussehende Brünette angeschmachtet hätte. Ich hätte mir mit meinem Teufelchen ein High-Five gegeben und nochmal in seine Popcorntüte gegriffen.

Und so sind wir nach etwa 1.800 Wörtern bei der Antwort auf die Frage angekommen, was mich eigentlich so mitnimmt:

Deine Lügen

Wenn man Lust auf einen anderen Menschen hat oder jemand anderen interessant und anziehend findet, sehe ich das auch in einer Beziehung unkritisch. Aber ich verlange Ehrlichkeit zum Partner. Ich will meinen Freund nicht besitzen. Das liegt mir fern und ich halte nichts davon Monogamie einzufordern, wo keine ist. Was ich aber sehr wohl haben möchte und verlangen darf ist das Exklusivrecht am Gefühls- und Gedankenleben meines Partners. Auch hier muss ich lange nicht alles wissen, aber zumindest den Teil, der für mich wichtig ist.

Ich möchte verdammt noch mal wissen, was sich wo anbahnt. Notfalls kann ich dann immer noch einen Cut ziehen um Wochen oder Monate nach dem Ausbruch festzustellen, dass ohne dich alles doof ist. Vielleicht stelle ich das auch nicht fest und es bleibt beim Byebye – auch in Ordnung. Ich bin mir jedoch ziemlich sicher, dass das oben gesponnene Szenario das Unsere gewesen wäre.

Aber das du es gewagt hast mir mit keinem Wort zu erzählen, dass du gleich in zwei Frauen reinhalten musstest und mir sogar noch vorzugaukeln, dass ich der Dreh- und Angelpunkt der Erdkugel für dich bin: DAS ist mein Problem. Und dieses Problem ist mittlerweile so riesig, dass ich stündlich einen mittelschweren Wutausbruch erleiden könnte. Unwissend zu sein sorgt dafür, dass man sich doof fühlt. Ich habe es aber nicht verdient, mich doof zu fühlen. Schon gar nicht als eine der Frauen, die dir deine Freiheit für den Moment gelassen hätte.

Aber du hast dich anders entschieden. Die Antwort auf deine Lügen ist die logische Konsequenz, dass ich weiter weg von dir bin, als der scheiß Stern auf seiner Milchstraße von der Erde je sein könnte. Ich antworte dir auf deine Milchmädchenrechnung mit einer Unendlichkeitsgleichung.

Ob ich mich dir je wieder so voll und ganz hingeben werde, wie ich es bis vor ein paar Wochen getan habe, das weiß ich nicht. Es ist mir auch egal. Ob du dich noch einmal nach anderen Frauen sehnst, ist mir mittlerweile auch egal. Du hast von deinen Ausflügen den Geruch der Freiheit mitgebracht und meinen Jagdinstinkt geweckt. Lange genug habe ich mich selbst eingesperrt.

Wenn mich die Lust zu jagen überkommt, nenne mir einen Grund, weshalb ich ihr nicht nachgeben sollte?

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