Die Einzelkämpferin

Nachdem ich in den letzten Tagen eine beinah depressive Phase durchlaufen habe, fühle ich mich das erste Mal seit Wochen besser. Gefestigter könnte man auch sagen. Der Anblick im Spiegel nach der morgendlichen Dusche war dennoch alles andere als erleuchtend. Ich sehe fürchterlich aus. Fleckige, blasse Haut im Gesicht, rote Rinnsale, die sich an meiner Nase vorbei den Weg Richtung Mundwinkel bahnen – wie immer wenn ich gestresst bin, meldet sich die Schuppenflechte zurück. Aber mit ein bisschen Pflege und frischer Luft wird das schon wieder in den Griff zu bekommen sein. So what… ich bin eben keine 25 mehr – die Zeiten sind vorbei.

Meine Mutter schreibt oft in den letzten Wochen. Manchmal schickt sie mir belanglose Bildchen um mich zum Lachen zu bringen. Jetzt ist ihr eingefallen, dass dringend in den nächsten Tagen das Weihnachtsgeschenk für ihren Enkel besorgt werden muss – sonst geht die Welt unter. Schließlich könnten morgen sämtliche Versanddienste auf diesem Planeten die Arbeit einstellen – bis ins neue Jahr. Alle Kaufläden würden schließen und einen Einkauf unmöglich machen. Das die Nahrung in ihrem Kühlschrank knapp werden könnte, würde sie wohl gar nicht merken. Hauptsache, das Kind bekommt sein Weihnachtsgeschenk. Oder sie sucht einfach nur einen plausiblen Grund der es ihr erlaubt, regelmäßig zu bohren, ob ich nicht tot umgefallen bin vor lauter Herzeleid. Keine Sorge Mama. Bin ich nicht.

Wenn man, so wie ich, nicht zur abgebrühten Sorte Mensch gehört, ist es schon eine harte und sehr emotionale Zeit, die nach so einer Enthüllung anbricht. Gut ging es mir ganz sicher nicht. Ständig habe ich gebohrt, gefragt, geforscht – im Dienste meines Herzens und meines Kopfes. Logisch erklären kann ich mir immer noch nicht alles. Ich glaube, dass das auch gar nicht geht. Aber ich bin einen riesigen Schritt weiter: Ich drehe nicht mehr sekündlich den Löffel in der Vergangenheitssuppe um. Stattdessen bin ich bei der Überlegung angelangt, wie ich mein Menü auf den Tisch bringen kann. Zumindest weiß ich mittlerweile, dass ich mit dir weitermachen will.

Bevor die großen Jubelschreie ausbrechen, Frank seinen roten Teppich ausrollt und die weißen Zelte aufstellt während Tine das neue Heim einrichtet und Lana del Rey „lucky Ones“ losträllert: Ja, ich möchte dich zwar weiterhin in meinem Leben haben, vielleicht auch als Beziehungspartner, aber ich überlege noch, wie ich die Beziehung definieren möchte. 1 und 1 macht 2, forever und i love you dermaßen-Scheiße brauche ich nicht. Ich glaube nicht, dass darin eine dauerhafte Lösung für uns liegt.

Ich habe in den letzten Wochen einen Abschluss zu Dr. Google gemacht. Ich recherchiere in Sachen Liebe und Beziehung schon seit Jahren viel – allein durch meine Blogs. Allerdings gibt es eine Sache, die mich sehr beschäftigt: Man unterscheidet ja bekanntlich zwischen einem einfachen Seitensprung und einer länger andauernden, tiefer gehenden Affäre. Der Seitensprung ist im Grunde nur zum Dampf ablassen da. Eine Art schnelles Ventil oder Übersprungshandlung. Einmal reinhalten, abspritzen, fertig ist der Lack. Eine Affäre zeichnet sich durch mehr aus, weil sie in aller Regel die Lebensdauer einer Eintagsfliege übersteigt.

Es gibt im Grunde zwei Details, die mir Sorgen bereiten: Das erste ist, dass du dem Seitensprung-Mädchen angeboten hast, ihr zu helfen, wenn sie etwas braucht. Das sagt man nicht einfach zu jemanden, den man nur mal eben schnell vernaschen möchte. Das zweite Stolpersteinchen: Du hast dich mit dem Affären-Mädchen häufiger als einmal getroffen. Ihr habt Dinge gemeinsam unternommen und zum krönenden Abschluss euren Spaß gehabt. Irgendwann hast du sie wohl mal gedrückt und ihr gesagt, dass du sie magst. Da gab es also folglich sehr wohl eine emotionale Ebene.

Ich schließe daraus, dass du etwas gesucht hast. Irgendetwas wolltest du ausfüllen. Da ging es nicht einfach nur um schnellen Sex. Dir ging es – ob bewusst oder unbewusst – um viel mehr. Also habe ich mir die Frage gestellt, wie ich zukünftig mit einem Mangel umgehen soll, den ich nicht kenne. Und selbst, wenn es keinen Mangel gibt, wird es ein anderer Grund sein. Womöglich einfach die Lust auf jemand anderen. Vielleicht sogar Langeweile. Gründe kann man viele finden, wenn man es denn möchte. Man kann aber auch einfach machen, ohne nachzudenken. Einfach, weil man gerade Lust drauf hat. Wie bei einem Schokoeis. Ich will eins haben, also kaufe ich mir eins. Fertig.

Du verstehst bestimmt, dass ich deine Sucht nach Schokolade nicht als Waffel oder Becher abpuffern möchte. Könnte ich. Dafür ist mir meine wertvolle Lebenszeit aber zu schade. Nein. So wird das nicht laufen. Ich habe mir einen Plan gemacht und aufgeschrieben, was ich möchte. Was MIR in MEINEM Leben wichtig ist. Am Ende kam ein Bild heraus, dass mich selbst betroffen gemacht hat: Da war am Ende meiner Reise eine Torte. Allerdings fehlte ein Stück in dieser Torte. Die dreiviertel-Torte bestand aus meinen Lebenszielen, untermauert von den Zwischenschritten, die ich dafür noch gehen muss. Losgelöst von all dem stand daneben das andere Stückchen. Das Beziehungsviertel sozusagen. Aber die Überschrift war nicht das Wort „Beziehung“. Die Überschrift war: „nicht allein Sein (Glück teilen)“. Untendrunter stand aufgeschlüsselt, was ich darunter genau verstehe. Da standen nur zwei Punkte auf der schönen Seite: Gespräche und Sexualität. Erschreckend, oder?

Ja, wir können weiter Seite an Seite ein Stück des Weges gehen – solange du mich brauchst. Aber am Ende wirst du nie mehr, als dieses abgeschlagene Stück meiner Lebenstorte sein. Und das hat rein gar nichts mit dir zu tun. Jeden anderen Namen könnte dieses traurige Tortenviertel tragen – es wäre genau das Gleiche. Die Ursache allen Übels, dieser Seitensprung- und Affärengeschichte bist nämlich nicht du. Sondern ich.

Der Schlüssel zum „Warum“ lag in meinem Lebensplan versteckt. Alle Ziele, die ich für mein Leben geplant habe, habe ich auf meinen Schultern aufgestellt. Ich weiß ganz genau, was ich für welches Ziel noch tun muss. Eine Partnerschaft ist in meinem Lebensplan überhaupt nicht vorgesehen. Was ich in meinem Lebensplan als Wunsch, bzw. Idealvorstellung aufgeschrieben habe, ist kein Partner, sondern ein Freund, der mir ab und an zuhört und hin und wieder mit mir schläft – wobei ich mir diesen Teil auch anderweitig holen kann. Wenn wir also ganz bitterböse ehrlich sind, suche ich nur einen guten Freund für einen gemeinsamen Austausch. Der Gute darf dafür bei mir essen, ab und an bei mir schlafen und mein Auto fahren. Kann er alles mit benutzen, mir wurst. Is ja eh meins.

Wann war eigentlich die Stelle in meinem Leben, an der ich aufgehört habe, mir eine Beziehung zu wünschen? Ab und an sagt meine Mutter, dass sie glaubt, dass ich zu einer dieser wahnwitzigen Mutantenfrauen geworden bin, die vielleicht gar nicht dafür gemacht wurde, als „eine Frau“ zu enden. Die ewigen Einzelkämpfer, die irgendwie immer alles allein schaffen. Was ist, wenn sie Recht hat und mein Lebensplan offen gelegt hat, was schon immer in mir schlummerte?

Der einzig kaputte Mensch in diesem Drama bin wohl ich selbst.

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